Künstliche Intelligenz in der Handyfotografie
Dein Handy rechnet mehr, als es fotografiert. Was KI im Bild verändert, wo sie hilft, wo sie erfindet und wann ein Bild kein Foto mehr ist.
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Wer früher mit einer Kamera fotografiert hat, kennt das Prinzip: Licht fällt durch das Objektiv auf Film oder Sensor, eine Belichtung, ein Bild. Ein Smartphone arbeitet anders. Wenn du auf den Auslöser tippst, entstehen in Sekundenbruchteilen mehrere Aufnahmen, die der Prozessor ausrichtet, auswertet und zu einem einzigen Bild verrechnet. Das Foto in deiner Mediathek hat es so nie als einzelne Aufnahme gegeben.
Dieses Prinzip heisst Computational Photography, auf Deutsch etwa rechnergestützte Fotografie. Es ist der Grund, warum ein Handy mit einem sehr kleinen Sensor bei Gegenlicht und in der Nacht Bilder liefert, für die man früher ein Stativ und viel Erfahrung brauchte. Und es ist der Grund, warum mein Angebot «Das Auge knipst mit» heisst: Die Technik rechnet, das Bild entsteht trotzdem im Kopf. In diesem Beitrag erkläre ich, was beim Auslösen passiert, welche Verfahren dahinterstecken, wo die Rechnung an Grenzen stösst und welcher Teil der Arbeit bei dir bleibt.
Der Begriff beschreibt Verfahren, bei denen ein Bild nicht allein durch Optik und Sensor entsteht, sondern zu einem grossen Teil durch Berechnung. Geprägt hat das Feld unter anderem der Informatiker Marc Levoy, der an der Stanford University dazu forschte und später bei Google die Kamera der Pixel-Handys mitentwickelte. Die Idee dahinter ist einfach: Wenn Objektiv und Sensor im flachen Gehäuse an physikalische Grenzen stossen, gleicht Rechenleistung aus, was die Hardware allein nicht schafft.
Ein Handysensor ist im Vergleich zu dem einer Systemkamera winzig. Er fängt wenig Licht ein, rauscht schnell und hat Mühe, sehr helle und sehr dunkle Bereiche gleichzeitig abzubilden. Lange war das die Grenze der Handyfotografie. Heute nimmt das Gerät einfach mehr Daten auf, als ein einzelnes Bild braucht, und verrechnet sie. Aus mehreren verrauschten Aufnahmen wird eine saubere, aus einer dunklen und einer hellen Aufnahme ein Bild mit Zeichnung im Himmel und in den Schatten.
Wichtig ist der Unterschied zu einem Filter. Ein Filter verändert ein fertiges Bild nachträglich. Computational Photography greift ein, während das Bild entsteht, also bevor es überhaupt ein fertiges Foto gibt. Deshalb lässt sie sich auch nicht einfach abschalten wie ein Filter in einer App. Sie ist der Weg, auf dem das Foto überhaupt zustande kommt.
Sobald du die Kamera-App öffnest, liefert der Sensor laufend Bilder für die Vorschau. Viele Handys halten die jüngsten davon in einem Zwischenspeicher. Tippst du auf den Auslöser, greift das Gerät auch auf Aufnahmen zurück, die kurz vor dem Tippen entstanden sind, und ergänzt sie um weitere. Darum fühlt sich das Auslösen verzögerungsfrei an, obwohl im Hintergrund eine ganze Serie verarbeitet wird. Danach laufen in Sekundenbruchteilen mehrere Schritte ab:
Den grössten Teil davon erledigt ein Bereich des Prozessors, der auf maschinelles Lernen ausgelegt ist, bei Apple heisst er Neural Engine. Manchmal siehst du die Rechnung sogar: Das Vorschaubild direkt nach der Aufnahme sieht kurz etwas anders aus als eine Sekunde später, wenn die Verarbeitung abgeschlossen ist.
Hinter dem Sammelbegriff stecken mehrere Verfahren, die je nach Situation automatisch zusammenarbeiten. Die Namen unterscheiden sich von Hersteller zu Hersteller, das Prinzip ist bei allen ähnlich:
| Verfahren | Was es tut | Wann es arbeitet |
|---|---|---|
| HDR | verrechnet unterschiedlich helle Aufnahmen | Gegenlicht, Himmel mit Wolken, helle Fenster |
| Nachtmodus | sammelt Licht aus Aufnahmen über mehrere Sekunden | Dämmerung und Nacht |
| Deep Fusion und Photonic Engine | verarbeitet Pixel für Pixel auf Textur, Details und Rauschen | mittleres bis wenig Licht, bei Apple |
| Pixel Binning | fasst mehrere Sensorpixel zu einem zusammen | fast immer bei Sensoren mit 48 bis 200 Megapixeln |
| Porträtmodus | berechnet eine Tiefenkarte und macht den Hintergrund unscharf | Porträts, Objekte, Haustiere |
| Szenenerkennung | erkennt Motive und Bildbereiche und bearbeitet sie getrennt | fast immer im Hintergrund |
| Hybrid- und KI-Zoom | verrechnet Aufnahmen und ergänzt Details | Zwischenstufen und hohe Zoomstufen |
Bei Google laufen vergleichbare Verfahren unter Namen wie HDR+ und Night Sight, bei Samsung unter dem Dach der ProVisual Engine. Zu vielen davon gibt es hier eigene Beiträge: HDR, Nachtmodus, Porträtmodus, Megapixel und Pixel Binning sowie optischer und digitaler Zoom.
An einer Kamera sind Blende, ISO und Verschlusszeit die drei Stellschrauben der Belichtung, das sogenannte Belichtungsdreieck. Am Handy war die Blende lange fest eingebaut, ISO und Verschlusszeit wählt die Automatik. Weil das Gerät zudem mehrere Aufnahmen verrechnet, gibt es für das fertige Bild gar nicht mehr die eine Belichtungszeit oder den einen ISO-Wert. Die Angaben in den Bildinformationen sind deshalb nur ein Anhaltspunkt.
Für den Alltag heisst das: Du musst diese Werte nicht beherrschen, um gute Fotos zu machen. Die Automatik trifft sie in den allermeisten Situationen schneller und besser, als du es in der Eile könntest. Eingreifen lohnt sich gezielt, etwa über die Belichtungskorrektur, wenn das Bild zu hell oder zu dunkel wirkt, oder mit der AE/AF-Sperre, wenn Schärfe und Belichtung auf einem bestimmten Motiv bleiben sollen.
Ganz verschwunden sind die Grundlagen trotzdem nicht. Das iPhone 18 Pro hat erstmals eine verstellbare Blende, und Blende, Verschlusszeit und Weissabgleich lassen sich dort von Hand einstellen. Wer das nutzen will, profitiert vom Wissen über das Belichtungsdreieck. Für gelungene Bilder bleibt es aber eine Möglichkeit und keine Voraussetzung.
So gut die Verfahren sind, sie haben typische Nebenwirkungen. Sie treten vor allem bei schwierigem Licht auf, also genau dann, wenn die Software am meisten arbeiten muss. Wer sie kennt, erkennt sie im eigenen Bild und kann gegensteuern:
Der letzte Punkt ist der wichtigste. Die Software kennt richtig und falsch belichtet, aber keine Absicht. Sie weiss nicht, dass du die dunkle, geheimnisvolle Stimmung in der Gasse gerade schön fandest. Dafür gibt es die Belichtungskorrektur vor der Aufnahme und die Regler danach.
Computational Photography nimmt dir viel Arbeit ab, aber immer denselben Teil: das technische Gelingen eines Bildes. Was auf dem Bild ist, wie es aufgebaut ist und in welchem Moment du auslöst, entscheidet sie nicht. Nebeneinandergestellt sieht die Arbeitsteilung so aus:
| Das übernimmt dein Handy | Das kannst nur du |
|---|---|
| Belichtung und HDR | Licht erkennen und darauf warten |
| Wechsel zwischen den Objektiven | Nah rangehen statt zoomen |
| Unschärfe im Porträtmodus | Standpunkt und Hintergrund wählen |
| Serienbild bei Bewegung | Den richtigen Moment spüren |
| Blende, ISO und Verschlusszeit | Die Perspektive wählen: von oben, von unten, auf Augenhöhe |
| Schärfe und Weissabgleich | Weglassen, was stört |
| nichts | Eine eigene Idee haben |
Die letzte Zeile ist kein Zufall. Keine Software hat eine Idee, bevor sie ein Bild macht. Genau diese Seite üben wir in den Kursen: sehen, auswählen, weglassen. Wer das beherrscht, holt aus einem drei Jahre alten Handy mehr heraus als jemand, der mit dem neusten Modell einfach draufhält. Die Grundlagen dazu findest du im Beitrag über Bildkomposition.
Ausliefern musst du dich der Automatik nicht. Die meisten Handys bieten Möglichkeiten, mitzuentscheiden, ohne auf die Vorteile des Rechnens zu verzichten:
Probier es an einem Motiv aus: dieselbe Abendszene einmal mit Automatik, einmal mit reduzierter Belichtung und einmal ohne Nachtmodus. Der Vergleich zeigt dir schneller als jede Erklärung, wo die Rechnung hilft und wo sie dir die Stimmung wegnimmt. Welche Rolle künstliche Intelligenz darüber hinaus spielt, etwa beim Entfernen von Objekten, beschreibt der Beitrag KI in der Handyfotografie.
Das Handy macht beim Auslösen mehrere Aufnahmen und verrechnet sie zu einem Bild. So gleicht die Software aus, was der kleine Sensor allein nicht schafft: mehr Details bei wenig Licht, weniger Rauschen und Zeichnung in hellen und dunklen Bereichen gleichzeitig.
Nicht vollständig, weil das Bild auf diesem Weg entsteht. Einzelne Teile lassen sich aber abschwächen: den Nachtmodus ausschalten, die Belichtung korrigieren, bei Samsung die Szenenoptimierung deaktivieren oder im RAW-Format fotografieren, das mehr Spielraum für die eigene Bearbeitung lässt.
Nicht ganz. Viele Verfahren nutzen maschinelles Lernen, etwa um Himmel und Gesichter zu erkennen. Das Grundprinzip, mehrere Aufnahmen zu verrechnen, funktioniert aber auch ohne KI. Generative KI, die Bildinhalte neu erfindet, ist nochmals etwas anderes.
Meist wegen zu viel HDR, starker Nachschärfung oder Rauschunterdrückung. Die Software strebt ein technisch korrektes Bild an und hellt Schatten auf, glättet Haut und schärft Kanten. Eine leicht reduzierte Belichtung vor der Aufnahme wirkt dem oft schon entgegen.
Lieber live üben?
Im Smartphone Fotokurs in Luzern gehen wir genau diese Themen am eigenen Handy durch.
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