Licht lesen lernen: Richtung, Härte, Farbe
Fotografieren heisst Licht sammeln. Wie du Richtung, Härte und Farbe des Lichts erkennst, welche Tageszeit was liefert und warum die Mittagssonne selten hilft.
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Schwarzweiss gilt als edel, zeitlos, künstlerisch. Und manchmal als Rettung für ein Bild, das in Farbe nicht funktioniert hat. Beides stimmt nur zur Hälfte. Ein Bild ohne Farbe ist nicht automatisch besser, es ist anders. Es verschiebt die Aufmerksamkeit von der Farbe zu Form, Licht, Kontrast und Struktur. Wenn das Motiv davon lebt, gewinnt es. Wenn es von Farbe lebt, verliert es.
In diesem Beitrag zeige ich dir, wie du die Entscheidung triffst, bevor du den Regler ziehst. Welche Motive in Schwarzweiss stärker werden, welche Farbe brauchen, und wie Licht und Kontrast als Entscheidungshilfe dienen. Dazu die technische Seite: warum du nicht in der Kamera-App auf Schwarzweiss stellen solltest und wie die Umwandlung in der Bearbeitung besser gelingt.
Farbe ist die lauteste Information in einem Bild. Ein rotes Auto zieht den Blick, egal wo es steht. Nimmst du die Farbe weg, bleiben Helligkeit und Form. Das Auge sucht sich neue Anhaltspunkte: Kanten, Schatten, Muster, die Richtung des Lichts. Deshalb wirken Schwarzweissbilder oft ruhiger und konzentrierter, und deshalb decken sie auch schonungslos auf, wenn ein Bild keine Struktur hat.
Ein zweiter Effekt: Schwarzweiss löst das Bild aus der Zeit. Ohne die Farbe der Kleidung, der Autos und der Werbung wirkt eine Strassenszene aus Luzern wie aus einem anderen Jahrzehnt. Das kann ein Vorteil sein, bei Porträts, Architektur und Stadtleben, und ein Nachteil, wenn du gerade die Gegenwart zeigen willst, etwa das bunte Treiben am Lichtfestival.
Und drittens vereinfacht Schwarzweiss. Mischlicht in der Stadt, bei dem Laternen orange, LED-Schilder blau und Fenster gelb leuchten, ist in Farbe oft unruhig. In Schwarzweiss wird daraus ein Spiel aus hellen und dunklen Flächen. Das ist der Grund, warum viele Nachtaufnahmen aus der Stadt in Schwarzweiss besser aussehen als in Farbe.
Alles, was von Form und Licht lebt. Konkret:
Beim letzten Fotowalk im Nebel am Seebecken war fast jedes Bild in Schwarzweiss stärker. Die Farbe hatte an diesem Tag ohnehin nichts beizutragen, und die Silhouetten der Bäume und Pfähle wurden zu grafischen Elementen. Seither packe ich bei Nebel bewusst die Schwarzweiss-Brille ein.
Alles, bei dem die Farbe selbst die Aussage ist. Ein Sonnenuntergang über dem See lebt vom Orange und Violett, in Schwarzweiss bleibt ein grauer Himmel. Herbstlaub, Blumen, ein Markt mit Gemüse, das Lichtfestival mit seinen farbigen Installationen: Nimmst du hier die Farbe weg, nimmst du das Motiv weg.
Schwierig ist Schwarzweiss auch bei Motiven mit vielen ähnlichen Helligkeiten. Ein grünes Feld unter blauem Himmel ist in Farbe klar getrennt, in Schwarzweiss werden beide zu ähnlichem Grau, und das Bild verliert seine Struktur. Bevor du umwandelst, frag dich: Unterscheiden sich die wichtigen Flächen in der Helligkeit, oder nur in der Farbe? Nur bei Ersterem funktioniert Schwarzweiss.
Ein weiterer Fall: Bilder, deren Stimmung von warmem Licht lebt. Die goldene Stunde am Seeufer, Kerzenlicht, ein Feuer. Das Warme ist die Botschaft, und die lässt sich nicht in Graustufen übersetzen. Hier bleibst du bei Farbe, und zwar bewusst. Die Entscheidung für Farbe ist genauso eine Entscheidung wie die dagegen.
Die einfachste Methode, um vor der Aufnahme zu entscheiden: Kneif die Augen leicht zusammen und schau auf die Szene. Was bleibt, sind grobe Hell-Dunkel-Flächen. Sind sie klar getrennt und interessant angeordnet, funktioniert Schwarzweiss. Verschwimmt alles zu einem mittleren Grau, bleib bei Farbe oder such ein anderes Motiv.
Hartes Licht ist der Freund von Schwarzweiss. Die Mittagssonne, die für Landschaften in Farbe schlecht ist, erzeugt tiefe Schatten und klare Kanten, und die machen ein Schwarzweissbild. Seitenlicht am Morgen und Abend betont Strukturen. Weiches Licht bei bedecktem Himmel liefert feine Tonwerte, verlangt aber ein Motiv mit eigener Form, sonst wird es flach.
Am Handy kannst du die Entscheidung auch erst nach der Aufnahme treffen, und das ist meist die bessere Reihenfolge. Fotografiere in Farbe, wandle in der Bearbeitung um und vergleiche. Nach ein paar Wochen weisst du beim Blick durch den Sucher, welches Bild später schwarzweiss wird. Und du beginnst, gezielt nach Licht und Form zu suchen, was auch deine Farbbilder besser macht.
Erste Regel: Nicht in der Kamera-App auf Schwarzweiss stellen. Die Filter der Kamera legen sich beim iPhone zwar rückgängig machbar über das Bild, bei manchen Android-Geräten aber nicht, und du siehst im Sucher weniger als die Kamera aufnimmt. Fotografiere in Farbe und wandle in der Bearbeitung um. So behältst du beide Versionen.
Zweite Regel: Nicht einfach die Sättigung auf null ziehen. Das ergibt ein flaues Grau. Nutze stattdessen den Schwarzweissfilter der Fotos-App oder in Snapseed und Lightroom Mobile die Schwarzweiss-Umwandlung mit Farbkanälen. Dort kannst du bestimmen, wie hell Blau, Grün oder Rot im Graubild werden. Ein dunklerer Blaukanal macht den Himmel dramatisch, ein hellerer Rotkanal lässt Haut weich wirken.
Dritte Regel: Kontrast bewusst setzen. Ein gutes Schwarzweissbild hat ein echtes Schwarz und ein echtes Weiss. Zieh den Schwarzpunkt an, bis die dunkelsten Stellen wirklich schwarz sind, und hebe die Lichter, bis die hellsten fast weiss sind. Dazwischen sollen möglichst viele Graustufen liegen. Körnung darf sein, wenn sie zum Bild passt, muss aber nicht. Die einzelnen Schritte erkläre ich im Beitrag zur Nachbearbeitung am Handy.
Die Kapellbrücke bei Sonnenschein mit den blühenden Geranien: Farbe. Das Rot der Blumen, das Braun des Holzes und das Türkis der Reuss sind das Motiv. In Schwarzweiss bleibt eine Brücke mit Kästen.
Die Kapellbrücke von innen, Balken im Gegenlicht: Schwarzweiss. Die Balken werden zu einem grafischen Tunnel, das Licht durch die Öffnungen zeichnet Streifen auf den Boden, und die Touristen werden zu Silhouetten. Die Farbe des Holzes trägt hier nichts bei.
Das Seebecken im Nebel mit einem einzelnen Schwan: Beides möglich, Schwarzweiss meist stärker. In Farbe ist es ein grau-blaues Bild, in Schwarzweiss eine Zeichnung mit einem weissen Punkt. Der Schwan liegt auf einem Kreuzungspunkt des Rasters, der Rest bleibt leer. Solche Bilder entstehen im Winter fast jede Woche, und sie sind ein Grund, den Fotowalk bewusst bei schlechtem Wetter zu machen. Grau ist für Schwarzweiss kein Nachteil, sondern die beste Ausgangslage, weil das Bild ohnehin auf Form und Helligkeit reduziert ist.
Später umwandeln. So hast du beide Versionen, siehst im Sucher das ganze Bild und kannst die Umwandlung mit Farbkanälen steuern, was ein besseres Ergebnis liefert als der Kamerafilter.
Weil Schwarzpunkt und Weisspunkt fehlen. Zieh die dunkelsten Stellen auf echtes Schwarz und die hellsten fast auf Weiss. Ein Schwarzweissbild braucht mehr Kontrast als ein Farbbild.
Alles, was von Farbe lebt: Sonnenuntergänge, Herbstlaub, Blumen, Märkte, farbiges Kunstlicht wie am Lichtfestival. Auch Motive, deren Flächen sich nur in der Farbe, nicht in der Helligkeit unterscheiden.
Nein. Die Umwandlung findet in der Software statt und ist bei allen aktuellen Geräten gut. Entscheidend sind Motiv, Licht und die Bearbeitung, nicht das Modell.
Lieber live üben?
Im Smartphone Fotokurs in Luzern gehen wir genau diese Themen am eigenen Handy durch.
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